Montag, 18. März 2013

Jede Mutter (er)zählt

Normalerweise erzähle ich hier ja wenig wirklich persönliches. Aber die Aktion Jede Mutter zählt, gesehen bei BerlinFreckles  und unterstützt von ERGObaby, animiert mich jetzt doch etwas über ein Thema zu erzählen, das mir sehr am Herzen liegt.
Es geht um das Wochenbett. Vor der Geburt hört man ja meist, dass die erste Zeit mit Baby traumhaft und wunderschön ist. Eine Kuschelzeit, eine Kennenlernzeit. Harmonisch, ruhig. Baby schläft viel. Wie ich erfahren durfte, hat das oft mit der Realität herzlich wenig zu tun. Aber die Realität erzählt einem im vorherein kaum jemand, damit werdende Mütter nicht abgeschreckt werden. Mein Beispiel ist jetzt bestimmt auch extrem und falls hier Schwangere mitlesen, die ihr erstes Kind erwarten und ihre rosige Erwartungshaltung nicht verlieren wollen, rate ich, ab hier nicht mehr zu lesen.


Das Wochenbett - ein Albtraum...

Die Schwangerschaft mit dem kleinen Mann verlief völlig problemlos, bis zum vET war ich noch unheimlich gerne schwanger und genoß es sehr den kleinen Mann in mir zu spüren.
Ebenso war die Geburt im Geburtshaus traumhaft schön. Ein Ereignis, an das ich gerne zurückdenke. Die Geburt ging schnell, die Schmerzen hielten sich sehr in Grenzen, ich konnte komplett selbst bestimmen, wie ich meinen Sohn gebären wollte und mein Mann und meine Hebamme haben mich toll begleitet. Es gab also eigentlich keinen Grund anzunehmen, warum die ersten Wochen und Monate so schief laufen sollten.

Aber schon in der Nacht nach der Geburt fing es an. Der kleine Mann, keine 24 Stunden alt, hat geschrieen. Stundenlang. Weder kuscheln, noch halten, noch trösten, noch füttern, noch pucken. Nichts half. In unserer Verzweiflung riefen wir sogar beim Bereitschaftsdienst unserer Geburtshebammen an und fragten, was wir tun sollen. Dort fühlten wir uns aber nicht erst genommen und erfuhren auch keine wirkliche Hilfe. Wir sollen das Baby bei uns halten, wir sollen ihn etwas tragen, ich soll ihn versuchen zu stillen oder etwas Wasser löffeln... Also nur Ratschläge, die wir in den vergangenen zwei Stunden schon alleine versucht hatten.
Und das Kind schrie und schrie. Weil es bei mir etwas besser und der kleine Mann etwas ruhiger war als bei meinem Mann, blieb also die Hauptaufgabe des Beruhigens bei mir. So bin ich in der Nacht nach der Geburt sechs Stunden am Stück mit einem aus Leibeskräften brüllenden Baby in der Wohnung auf und ab gelaufen. Was das meinem Beckenboden angetan hat, könnt ihr euch vorstellen. Von meiner Psyche ganz zu schweigen.

Und das war nur der Auftakt zu den anstrengendsten Wochen meines Lebens. Denn der kleine Mann entwickelte sich zu einem Schreibaby, das extrem wenig schlief (zum Teil keine acht Stunden an einem vollen Tag, also viel zu wenig für ein Neugeborenes), schlecht stillte und stundenlang brüllte. Jeden Tag. Nach dem Essen, vor dem Essen, wenn man ihn hielt, wenn man ihn ablegte, einfach immer. Aber die Hebamme, die uns im Wochenbett betreute wiegelte immer ab: der kleine Mann sei kein Schreibaby, alles normal, er habe nur ein paar Anpassungsschwierigkeiten. Das half natürlich nicht bei meiner Überzeugung, als Mutter auf ganzer Linie zu versagen.
Ab der dritten Lebensnacht des kleinen Mannes schliefen mein Mann und ich in Schichten. Mein Mann übernahm ab 21 Uhr die "Frühschicht" und weckte mich nur zum stillen, ab 3 Uhr bis zum nächsten Morgen übernahm dann ich das schreiende Bündel und mein Mann durfte schlafen.
Schlief der kleine Mann doch mal überraschender Weise auf mir ein, wurde in exakt dieser Position verharrt, egal wie unbequem diese war, um ihn nur ja nicht aufzuwecken, was ganz leicht passieren konnte.
Nach einer Woche besuchten wir einen Osteopathen, weil wir gehört hatten, das diese oft super helfen konnten. Uns konnte der Osteopath leider nicht helfen. Alles in Ordnung beim kleinen Mann, keine Verspannungen. Und so ging es eben weiter.

Die einzige Zeit, zu der der kleine Mann zuverlässig einschlief, war, wenn er eigentlich essen sollte. Denn da er so schlecht stillte und zunahm, bekamen wir die strikte Vorgabe ihn spätestens alle vier Stunden zu füttern. Das stresste mich noch mehr. Denn meist war der kleine Mann erst eine halbe Stunde vor der nächsten Fütterungszeit eingeschlafen und ich wollte ihn deswegen nicht wieder aufwecken. Aber die Gewichtsabnahme war so groß und er musste unbedingt essen! Als ich ihn einmal länger schlafen ließ, bekam ich von der Hebamme richtig eine auf den Deckel, dass ich das auf keinen Fall nochmal machen sollte, denn dann würde der kleine Mann nicht genug zu essen bekommen und entkräften und im Krankenhaus landen. Dass er jetzt so lange (sechs Stunden am Stück) geschlafen hätte, wäre ein erstes ernsthaftes Anzeichen. Ich war einfach nur noch am Ende.
Nach zwei Wochen war klar, dass es mit dem Stillen nicht gut klappte und wir fingen an mit der Flasche zuzufüttern. Zwar pumpte ich ab, um die Milchproduktion in Gang zu halten. Aber dennoch war das Zufüttern der Anfang vom Stillende, wie bei so vielen Müttern. Nach sechs Wochen hatte ich keine Milch mehr. Dabei wollte ich immer unbedingt stillen. Und es verletzte mich zutiefst, dass so etwas einfaches und natürliches bei uns nicht klappen wollte. Das bestätigte mich natürlich auch noch einmal in der Annahme, als Mutter zu versagen. Zumal man ja von allen Ecken und Enden hört, dass Stillen das Beste für das Baby ist und jede Mutter, die nur will, stillen kann. Ich weiß nicht, wie oft ich über diesen Satz in Tränen ausgebrochen bin.

Wenn mir zu diesem Zeitpunkt jemand angeboten hätte, er würde mir den kleinen Mann abnehmen und gut für ihn sorgen, ich weiß nicht, was ich getan hätte... Im nachhinein denke ich, dass ich  eine postpartale Depression hatte und dringend Hilfe und Unterstützung benötigt hätte, aber dies wurde von keinem Außenstehenden erkannt, auch nicht von unserer Nachsorgehebamme. Und so musste ich, mussten wir, irgendwie durch diese Zeit alleine durch.

Vier Wochen nach der Geburt des kleinen Mannes endete der Urlaub meines Manne und ich war ab da hauptverantwortlich für den kleinen Mann. Ich weiß bis heute nicht, wie ich diese Zeit durchgestanden habe. Irgendwann ab dem dritten Monat wurde es langsam besser mit der Schreierei, aber ein Trauma habe ich bis heute davon. Es dauerte lange, bis ich sicher wusste, dass ich mein Kind über alles liebe und wirklich alles für ihn tun würde. Heute schaue ich den kleinen Mann an und mein Herz geht über vor Stolz auf ihn und Liebe. Aber das war ein langer Weg...
Ich wollte immer mindestens zwei Kinder haben, aber nach der Geburt und der Wochenbettzeit des kleinen Mannes dauerte es rund 1,5 Jahre, bis ich mir überhaupt vorstellen konnte noch ein Baby zu bekommen. Und erst als letzten Sommer in der Nachbarschaft mehrere Babies geboren wurden (und das Weinen von Babies einfach öfter zu hören war), hörte es auf, dass mein Puls bei jedem Babygeschrei explodierte und Adrenalin ins Blut einschoß.

Als ich diesmal den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, war meine erste Tätigkeit, mir eine gute (!) Hebamme zu suchen. Diese schickte mich postwendend zu einer Therapeutin, damit ich meine gemachten Erfahrungen aufarbeiten kann und nicht mit so einem riesigen Balast ins zweite Wochenbett starte.
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass ich mich generell sehr auf unser zweites Kind freue, mich aber noch immer sehr vor den ersten Wochen mit dem Baby fürchte. Zwar bin ich jetzt nicht mehr so unerfahren wir beim kleinen Mann. Aber es ist eben noch ein Geschwisterkind da, welches Betreuung benötigt und einen Tagesablauf vorgibt.

Mit dem Thema Stillen haben ich auch mehr oder minder Frieden geschlossen: ich werde es wieder probieren, aber wenn es wieder nicht klappt, dann wird es diesmal kein Drama sein. Ich kann nicht mehr, als mein Bestes geben.
Mittlerweile sehe ich es so, dass es durchaus Mütter gibt, die einfach nicht stillen können (oder wollen, was auch völlig in Ordnung ist), die Ursachen seien mal dahin gestellt. Ich finde, dass mit dem Thema Stillen zur Zeit sehr militant und wenig sensibel umgegangen wird, der Begriff Still-Mafia gefällt mir an dieser Stelle, auch wenn er sehr provokant ist.Was jetzt gerade stattfindet, ist die komplette Gegenbewegung zu den 80er Jahren, als das Stillen ja so verschrieen und verpönt war und Flaschenmilch als das einzig Richtige galt.
Aber wie immer ist es so, dass der Mittelweg der richtige ist und jede Mutter für sich selbst entscheiden muss, was das Richtige für sie und ihr Baby ist. Nur das eigene Bauchgefühl zählt.

Kommentare:

  1. Da krieg ich beim Lesen Gänsehaut, weil ich mich so wiederfinde in deinem Beitrag.
    Unsere Tochter hat auch nur gebrüllt, nichts half, Osteopathenbesuch ohne größeren Befunde, Fliegergriff (wir haben Furchen ins Parkett gelaufen!), Pucken (fand sie total schrecklich), Singen... Alles hatten wir durch. Wir weinten/brüllten dann abends gern einfach mal alle zusammen zwei Stunden lang. Diese Hoffnungslosigkeit, diese Überforderung, die Ängste, der Schlafmangel - ich möchte das nie wieder erleben! Uns half nach 8 Wochen das Abstillen, schlußendlich die Dunstabzugshaube/der Staubsauger und die Zeit.

    Ich bewundere dich, dass du dir einen Therapeuten gesucht hast. Vielleicht sollte ich das auch mal angehen, ein Trauma haben mein Mann und ich mit Sicherheit davongetragen.

    Ich hoffe, der Beitrag ist nun nicht zu ehrlich, wobei deiner es ja auch ist. Ich finde es gut, dass solche Themen auch Raum finden, es wird ja doch auch oft (du kannst dir denken, wo) immer nur das Schöne geschrieben und man fühlt sich wie ein Alien, wenn man die Dinge anders erlebt.
    Viele Grüße,
    Wiebke

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  2. Hallo!
    Ein bewegender Bericht! Ich bewundere Dich und alle Mamas von Schreikindern.
    Eine Freundin hat mit ihrem Sohn ähnliches durchgemacht und ich habe sie erlebt, als sie eine Woche bei uns zu Besuch war. Ihr Junge war ganz friedlich und entspannt, doch meine Freundin stand permanent unter Strom und ist regelrecht abgehoben, sobald der Sohn ein wenig unruhig wurde.
    Doch auch mit einem wirklich ruhigen und zufriedenen Baby habe ich die ersten Monate als extrem schwierig empfunden. Es hat lange gedauert, bis ich mich in der Mutterrolle wirklich Wohlgefühls habe...

    Ein toller Beitrag, der mich sehr nachdenklich stimmt!

    Vlg

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  3. Vielen Dank für diesen sehr persönlichen und ausführlichen Einblick. Ich denke, man sollte nicht nur die rosaroten Bilder vom Wochenbett malen, weil frisch gebackene Mütter sonst in ein tiefes Loch fallen, wenn die Realität eben nicht so rosarot ist.

    Beste Grüße,
    Sophie

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  4. Ich finde es bewundernswert, dass Du so offen und ehrlich über Deine Erfahrungen schreibst. Es gehört schon etwas Mut zu so einem Post, denn die Außenwelt sucht ja immer gerne die Schuld bei der Mutter (zu nervös, zu unerfahren...). Es muss schrecklich gewesen sein! Ich wünsche Dir, dass Du bei Nr. 2 mit einem total zufriedenen, unkomplizierten Sonnenschein belohnt wirst!!
    Liebe Grüße
    Mama Mia

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  5. Schön geschrieben und so ehrlich und offen.
    Ich wünsch dir für deine zweite Geburt und die Zeit danach wirklich nur das Beste. Auf ein ruhiges und entspanntes Baby!

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  6. Sehr ergreifend.
    Tut mir immer sehr weh zu lesen wenn es Mütter im Wochenbett so schwer haben. Hier war's andersrum: eine schlimme Schwangerschaft, dafür ein tolles Wochenbett und problemloses Stillen. Allerdings mit der gleichen Konsequenz: Angst vor einer weiteren Schwangerschaft.
    Ich wünsche dir, dass es beim zweiten Kind viel harmonischer wird!

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